Karl stand traurig abseits der ganzen anderen Pflanzen in seinem Beet und seufzte. Er fühlte sich einsam und wünschte sich so sehr, dass jemand ihm Aufmerksamkeit schenkte. Er war ein netter Kerl, immer freundlich den anderen Pflanzen gegenüber und auch zu den Tieren, die an ihm vorbei kamen. Aber er stand alleine in seinem Beet und alle hielten Abstand zu ihm. Manche der anderen Pflanzen ärgerten Karl sogar. Von ihnen hörte er Sätze wie: „Du siehst aus wie ein Stachelschwein! Du hast ja nicht mal Blätter und schöne Blüten wachsen Dir auch nicht! Du bist ein Taugenichts und hast nicht zu bieten!“
Karl stand allein in seinem Beet, weil er so harte Stacheln hatte und die anderen Pflanzen verletzen würde, wenn sie neben ihm stehen würden. Auch die Tiere mieden ihn wegen der Stacheln und flogen einen großen Bogen um sein Beet. Karl war sich sicher, er sei einfach nur eine hässliche Pflanze ohne Nutzen, die es gar nicht wert war, geliebt zu werden.
An manchen Tagen lächelte er trotz seiner Traurigkeit, doch an einigen Tagen konnte er seine Gefühle nicht verstecken und weinte einfach vor sich hin. Gerade als er wieder kräftig schniefte und sich seine Tränen wegwischte, flog ein wunderschöner Schmetterling auf ihn zu, flatterte in etwas Abstand um ihn herum und landete dann auf einem Stein vor ihm. Karl blickte durch seinen Tränenschleier erstaunt zu dem Schmetterling. Dieser sah ihn freundlich an und sagte: „Hallo, ich bin Fridolin und wer bist Du?“ Karl nuschelte seinen Namen und schniefte wieder. „Was ist denn passiert, Karl? Warum bist du so traurig?“ fragte Fridolin. Bevor der Kaktus antworten konnte, rief eine Pflanze vom benachbarten Beet herüber: „Hey Schmetterling, was willst du denn bei dem stacheligen Typen? Komm lieber her zu mir, ich habe saftigen Nektar in den Blüten!“
Karl seufzte und schaute verschämt nach unten. Er wartete darauf, dass Fridolin seinen Platz vor ihm auf dem Stein verlassen und zu den anderen Pflanzen fliegen würde. Aber zu seinem Erstaunen blieb der Schmetterling vor ihm sitzen. „Die Pflanze hat recht - ich kann dir nichts bieten. Ich sehe nicht gut aus, ich habe keinen Nektar. Du findest bei mir auch keinen Schutz vor Wind oder Regen und meine Stacheln zerreißen deine wunderschönen Flügel. Ich bin ein Außenseiter und ein Taugenichts.“
Fridolin sah den Kaktus immer noch freundlich an und antwortete: „Ich finde, du bist ein netter Kerl und du hast keinen Grund, so traurig zu sein. Mir ist es egal, was die anderen Pflanzen reden, ich bleibe hier bei dir.“ Karl war so perplex, dass er nichts erwidern konnte. Er beobachtete Fridolin ungläubig, während dieser anfing, es sich in dem Beet gemütlich zu machen. Emsig flatterte er durch die Gegend, sammelte kleine Blätter und Grashalme und baute sich daraus einen Unterschlupf in der Ecke von Karls Beet. „Siehst du, mein lieber Karl, die anderen Pflanzen werfen genug Blätter ab für mein neues, gemütliches Heim hier direkt bei dir. Und wenn die Sonne scheint, kann ich mich in deinen Schatten setzen. So bietest du mir doch Schutz!“ Als Fridolin mit seinen Bauarbeiten fertig war, setzte er sich wieder auf den Stein vor Karl und erzählte ihm, was er schon alles erlebt und gesehen hatte.
Die Tage vergingen und Karl wurde immer fröhlicher. Er konnte nicht fassen, dass er endlich einen Freund gefunden hatte. Und Fridolin war ein toller Freund: er war lustig, ein guter Zuhörer, hatte viel zu erzählen und kümmerte sich nicht um das Gerede der anderen Pflanzen und Tiere. Er machte sich jeden Tag auf den Weg zu anderen Beeten, um sich mit Nektar zu versorgen. Anfangs ging Karl noch davon aus, dass Fridolin eines Tages nicht mehr von seinem Streifzug zurückkehren würde, doch Fridolin kam immer wieder. Er blieb auch nie wirklich lange weg und verbrachte die meiste Zeit des Tages bei Karl. Die beiden erzählten sich Witze, über die sie herzlich lachten. Sie führten ernste Gespräche und manchmal schwiegen sie auch einfach nur und genossen das Gefühlt, nicht alleine zu sein. Wenn andere Schmetterlinge an dem Beet vorbeiflogen und lachten, ignorierte Fridolin sie. Auch Karl war nicht mehr so traurig wie früher, wenn wieder mal eine Pflanze aus einem anderem Beet etwas gemeines zu ihm sagte. Doch obwohl der Kaktus so glücklich über Fridolins Gesellschaft war, merkte er auch, dass der Schmetterling durch ihn zum Außenseiter wurde. Und das machte Karl große Sorgen. Er wusste nur zu gut, wie schwer das Leben als Sonderling war und wollte nicht, dass sein Freund seinetwegen auch so leben musste. Eben weil er Fridolin so in sein Herz geschlossen hatte, wünschte er sich, dass der Schmetterling ein glückliches Leben führte. Karl fragte sich immer häufiger, warum Fridolin noch bei ihm war: „Warum ist er noch hier? Jeden Tag muss er sich umständlich mit Nektar versorgen, weil ich keine Blüten habe. Ich habe nur diese hässlichen Stacheln und bei Regen und Wind kann ich ihm keinen Schutz bieten. Er muss ständig neue Blätter und Halme sammeln, um seinen Unterschlupf zu erneuern. Zudem halten sich alle anderen Schmetterlinge von ihm fern.“
Eines Tages hielt Karl es nicht mehr aus und er fragte Fridolin, warum der sich nicht einen Platz in einem anderen Beet suchte. Das Leben wäre für den Schmetterling doch um einiges leichter, wenn er sich einen Platz bei einer schönen Pflanze mit großen Blättern und vielen Blüten suchen würde. Er bräuchte sich keinen Unterschlupf bauen, hätte immer frischen Nektar und die anderen Schmetterlinge würden ihn sicher auch wieder besuchen.
Fridolin seufzte, als er Karls Worte hörte: „Lieber Karl, ich habe dich in mein Herz geschlossen und lasse dich nicht alleine in deinem Beet. Sicher wäre mein Leben an einem anderen Ort einfacher und vielleicht würden die anderen Schmetterlinge mich dann auch nicht mehr meiden. Aber du würdest mir fehlen. Die anderen Pflanzen und Tiere lassen sich blenden von Schönheit und unsinnigem Gerede. Mir ist es egal, wie du aussiehst. Ich fühle mich in deiner Nähe wohl. Wir können uns stundenlang unterhalten, können gemeinsam lachen und sogar gemeinsam schweigen. Du bist ein gutmütiger Kerl und ich finde deine Stacheln viel schöner als jedes grüne Blatt.“
Als Fridolin mit seiner Ansprache fertig war, wischte sich Karl eine Träne weg und schniefte. Doch diesmal waren es Tränen der Freude. „Ich freuen mich, das du bei mir bleibst, lieber Fridolin! Ich hatte noch nie einen Freund und nun habe ich den besten Freund, den man haben kann. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass jemand wirklich an mir interessiert ist und mich mag - trotz meiner Stacheln.“ Fridolin lächelte seinen Freund an und machte sich dann wieder daran, seinen Unterschlupf zu richten.
In der kommenden Nacht wurde Fridolin durch Karls Rufe geweckt: „Fridolin! Fridolin, werde wach! Fridolin!“ Der Schmetterling krabbelte schnell und seinem Haus aus Blättern hervor und eilte zu Karl: „Was ist passiert, Karl?“ rief er. „Fridolin, sieh nur! Sieh nur, wie ich aussehe!“ Und da sah Fridolin, warum Karl ihn so aufgeregt mitten in der Nacht geweckt hatte. Überall an Karls langem Körper sprießten Knospen. Und in der Luft lag ein lieblicher Duft nach Nektar. „Das gibt es doch gar nicht!“ rief Fridolin und flatterte aufgeregt um Karl herum. „Das glaube ich nicht! Das kann doch gar nicht sein!“ Karl jauchzte und jubelte: „Doch Fridolin, ich bekomme Blüten!“ Fridolin lachte und flatterte aufgeregt und glücklich vor seinem Freund auf und nieder.
In den kommenden Tagen entwickelten sich die anfänglich noch kleinen Knospen zu prachtvollen Blüten voller süßem Nektar. Die Blüten leuchteten zu den Pflanzen in den anderen Beeten herüber und verströmten einen verlockenden Duft, der Schmetterlinge von weit her anlockte. Doch wenn die Schmetterlinge erkannten, woher der Duft kam, flogen sie meistens verschämt weiter. Kaum einer traute es sich, Karl zu fragen, ob er sich an seinem Nektar laben dürfe. Wer sich jedoch traute, wurde belohnt, denn Karl war nicht nachtragend. Er achtete nur darauf, dass er immer genug Nektar für seinen Freund Fridolin hatte. So musste dieser keine Ausflüge mehr zu anderen Beeten machen und konnte den ganzen Tag bei seinem Freund bleiben, der zur prachtvollsten Pflanze in der Umgebung geworden war. Seinen Unterschlupf benötigte Fridolin auch nicht mehr, denn die großen Blüten boten ihm einen Schlafplatz und genug Schutz von Wind und Regen.
Die Pflanzen in den anderen Beeten, die früher gemein zu Karl gewesen waren, schauten nur noch neidisch und waren verstummt. Und die Schmetterlinge, die sich von Fridolin abgewandt hatten, flogen still vorbei, während sie auf der Suche nach Nektar von einem Beet zum anderen flattern mussten.
Der Lärm war kaum auszuhalten. Der Sturm verursachte tosende Geräusche in meinen Ohren und die Brandung schien lauter als alles, was ich je gehört hatte. Die Wellen klatschten gegen die Steine rechts unter mir und schäumten unermüdlich auf. Die Autos und Lkws, die auf der höher gelegenen Straße links von mir fuhren, konnte ich weder hören noch sehen. Der Regen peitschte mir ins Gesicht. Der Sturm blies direkt von vorne, als wolle er mich zurücktreiben.
Ich hatte mich so sehr auf diesen Teil der Wegstrecke meiner Radreise gefreut - der Deich von Lelystad nach Enkhuizen. Bei schönem Wetter ist es herrlich an diesem Fleckchen Erde: rechts liegt das Ijsselmeer, die Straße links neben der Fahrradstraße liegt höher, so dass man sie kaum wahrnimmt. Der Deich führt 23 km ohne Hindernisse direkt am Wasser entlang. Möwen und andere Wasservögel begleiten einen des Weges, in der Ferne sieht man kleine Boote, große Yachten und die Fähre, die zwischen Enkhuizen und Urk pendelt. Diese Etappe ist ein Traum für jeden Radler - bei schönem Wetter!
Doch nun stand ich hier und wußte, dass diese Etappe für mich zur größten Herausforderung der ganzen Reise werden würde. Es gab nur diesen einen Weg zur nächsten Übernachtungsstätte. Ich mußte den Kampf gegen die Natur aufnehmen - den Kampf gegen den Sturm. Und ich wußte, dass ich diesen Kampf nicht verlieren durfte - ich mußte den Deich überwinden.
Muskelkraft und mein eiserner Wille waren alles, was ich dem Sturm entgegenzusetzen hatte. Und so fokussierte ich mich auf die einzigen Dinge, die mich in diesem Moment zum Ziel bringen würden: In die Pedal treten und atmen, treten, atmen, treten, atmen…Ich nahm den Kopf möglichst weit nach unten, da der Sturm mir so ins Gesicht blies, dass er mir den Atem raubte. Und ich stellte meinen Tacho aus, damit ich nicht sah, wie langsam ich von der Stelle kam. Ich wollte nicht sehen, wie langsam der Kilometerzähler sich vorwärts bewegte. Ich wußte, dass ich kaum von der Stelle kam, obwohl ich mit aller Kraft in die Pedale trat. Gefühlt nahm die Lautstärke der Brandung immer mehr zu, die Geräuschkulisse war für mich unerträglich. Da ich sehr geräuschempfindlich bin und mir schon laute Musik an die Nerven geht, war der Lärm für mich im Nachhinein gesehen die größte Herausforderung an der ganzen Situation. Ich bin schon häufig an meine körperlichen Grenzen gegangen und weiß, dass ich in Ausnahmesituationen Reserven freisetzen kann, die mich zu extremen Leistungen befähigen. Auch Regen macht mir nicht viel aus - er ist lediglich unangenehm, mehr aber nicht. Doch dieses Gefühl in meinen Ohren, welches die gewaltigen Naturgeräusche um mich herum hervorgerufen haben, kann ich bis heute weder richtig beschreiben noch vergessen.
Irgendwann fing ich an zu schreien. Erst brüllte ich meine Wut über die ganze Situation heraus. Ich beschimpfte die Natur, ich beleidigte den Sturm und ich beschimpfte mich selber, weil ich nicht mit meinem E-Bike gefahren war. Ich merkte, dass es mir gut tat, dass ich schrie - ich konnte besser atmen und mein Fokus ging von der Geräuschkulisse weg. Es wurde nicht leiser in meinen Ohren, aber ich konzentrierte mich nicht mehr ausschließlich auf den Schmerz, den die tosenden Geräusche verursachten. Also schrie ich weiter in den Sturm hinein, während ich in die Pedale trat. Ich brüllte mir selber alles zur Eigenmotivation zu, was mir in den Sinn kam. Mittlerweile fühlte ich mich wie der einzige Mensch auf der Welt - alleine auf diesem Deich, den Naturgewalten ausgesetzt. Nur die Möwen und die anderen Wasservögel beobachteten meinen Kampf, während sie auf den Wellen schaukelten. Kein Vogel versuchte, in die Lüfte zu steigen und zu fliegen - ich war das einzige Lebewesen, welches versuchte, gegen den Sturm anzukommen.
Heute weiß ich, dass es mir damals gelungen ist, mich durch mein Geschrei und meinen eisernen Willen in eine Art Trance zu versetzen. Durch die Tatsache, dass ich unzählige Stunden meines Lebens auf dem Rad verbringe, läuft das „Radfahren an sich“ bei mir komplett automatisch ab und auf einer Strecke wie dem Deich - ohne Verkehr oder Hindernisse - kann ich mich auf andere Dinge fokussieren. In diesem Moment, allein auf dem Deich, verblasste alles andere in meinem Leben. Mein Körper spulte seinen Automatismus ab, ich spürte die Schmerzen in den Oberschenkeln nicht. Mir war egal, was gestern war und was morgen sein würde. Ich war nur im Hier und Jetzt - ich lebte nur diesen Moment. Und für mich gab es nur ein Ziel: das Ende des Deichs. Ich machte keine Pause, ich stieg nicht vom Rad. Wahrscheinlich, weil ich intuitiv wußte, dass ich dann den Kampf verloren hätte und nicht mehr aufgestiegen wäre. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil mein Körper das nicht mehr geschafft hätte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit - es waren tatsächlich etwa 2,5 Stunden vergangen - nahm ich vor mir eine leichte Linkskurve wahr. Ich wusste, dass ich in einigen Metern mein Ziel erreicht hatte. Neben mir tauchte die Straße mit den Autos und Lkws auf. Ich hörte sie aufgrund der Geräuschkulisse nicht, aber ich sah sie. Und dann sah ich mein Ziel - Enkhuizen. Die letzten Meter schienen nicht enden zu wollen, bis endlich der rettende Parkplatz in Sicht war. Ich kämpfte mich mit letzter Kraft dorthin, stieg vom Rad und fiel in mich zusammen. Tränen liefen über mein Gesicht, die Beine sackten unter mir weg. Da lag ich, neben meinem Rad, das Tosen der Brandung war nicht mehr zu hören und plötzlich war es nahezu still.
Ich war total erschöpft, ich war erleichtert und irgendwann sickerte die Erkenntnis in mein Gehirn, dass ich es geschafft hatte. Ich hatte nicht aufgegeben, ich hatte dem Sturm getrotzt, ich hatte den Deich geschafft. Und in mir breitete sich ein Glücksgefühl aus, welches meinen ganzen Körper zu ergreifen schien. Trotz der Schmerzen und der Erschöpfung schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Die Tränen liefen mir die Wangen runter, ich lächelte, lag da und wußte, dass ich diese Fahrt über den Deich mein Leben lang nie wieder vergessen würde.
Erst eine Stunde später gelang es mir, meinen Körper dazu zu überreden, weiter zu radeln. Die letzten Kilometer bis zur Übernachtungsstätte waren eine Qual, denn mir tat jeder Muskel und jede Faser meines Körpers weh. Doch ich wurde angetrieben von der Euphorie darüber, dass ich etwas geschafft hatte, was unmöglich zu sein schien. Das Hochgefühl trug mich über die letzten Meter bis zum Tagesziel.
Dass diese Etappe zur Schlimmsten der ganzen Reise werden würde, konnte ich vorher nicht ahnen. Hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich die Tagesetappe anders geplant. Doch während ich an diesem Abend dalag, die Beine schmerzten und brannten und ich so erschöpft war, dass ich nicht schlafen konnte, wusste ich eins ganz sicher: Egal, was das Leben noch für mich bereithielt - ich würde alles schaffen. Mit meinem eisernen Willen und einem festen Fokus auf mein Ziel konnte ich mental und körperlich über Grenzen hinausgehen und alles erreichen, was es im Leben noch zu erreichen gilt.
Anmerkung: Wer sich den Deich und das schöne Nord-Holland in Bildern anschauen möchte, findet dazu ein Video unter https://youtu.be/FOp-R41F_Fw?feature=shared